Auf ein Neues, Uwe.

Er war mit seinen Nerven am Ende. Lange genug hatte sie ihn drangsaliert. Diesen Druck, den sie auf ihn ausübte – Tag für Tag. Als sich die Gelegenheit bot, drehte er einfach durch und tat es – Uwe wollte sie nur noch loswerden.

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig schien leer, bis auf ein paar verbeulte Gepäckwagen und einen Bahnarbeiter. Dieser zündete sich eine Zigarette an und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

„Geschafft! Ich hab’s getan. Endlich bin ich sie los“, dachte er.

Uwe schlug den Kragen seines abgetragenen Trenchcoats hoch. Es war bitter kalt geworden. Ein eisiger Dezemberwind schlug ihm ins Gesicht. Ihn fröstelte.

„Es wird bald Schnee geben“, murmelte er.

Er zog an seiner Zigarette. Inhalierte tief. Stieß den Qualm langsam durch die Nase. Mit einem Seufzer der Erleichterung drehte er sich um und ging bedächtig zur Bahnsteigtreppe; hielt sich mit der Rechten bereits am Treppengeländer. Ihm kam ein furchtbarer Gedanke. Uwe blieb wie angewurzelt auf dem Treppenabsatz stehen.

„Es hat nicht geklappt! Die andere Seite vom Zug. Sie konnte drüben noch raus! Ich hab’ svermasselt“, schoss es ihm durch den Kopf.

Plötzlich fühlte er sich beobachtet. Spürte diese bohrenden Blicke ihrer stechend blauen Augen im Rücken. Sie durchdrangen ihn wie Röntgenstrahlen. Ihm wurde unbehaglich. Sein Hals begann sich zu röten. Seine Schläfen pochten. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Vorsichtiglockerte er die Krawatte und öffnete den Kragenknopf.

„Nicht umdrehen – nur nicht umdrehen. Geh’ weiter, Uwe“, sagte er zu sich selbst.

Zögernd setzte er einen Fuß auf die erste Stufe und verlagerte sein Gewicht, das rötlicheStreusalz auf der Treppe knirschte bereits unter der Ledersohle seiner alten Schuhe.

„Jetzt muß er kommen, dieser Schrei: „Halt! Bleib’ stehen!“ Aber es kam nichts. Kein Laut. Er warf einen hastigen Blick zurück. Der Bahnsteig war leer -menschenleer.

„Gott sei Dank, ich habe mich getäuscht,“ sagte er erleichtert vor sich hin, um sich  wieder zu beruhigen.

Sie war weg. Die kleinen roten Lichter trugen sie tatsächlich davon.

„Bist du verrückt? Leidest schon unter Verfolgungswahn?“ Murmelte er vor sich hin, während er die Treppe hinunter ging.

Seine Gedanken schwirrten im Kopf herum. Es waren nur Fetzen – Gedankenfetzen.

„Ruhig, Uwe“, sagte er zu sich selbst. „Tief durchatmen. Beruhig‘ dich. Es ist alles vorbei, alles okay.“

Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarette. Schnippte die Kippe mit Daumen und Mittelfinger achtlos nach links in die schlecht beleuchtete Tunnelröhre, durch die tagsüber Tausende von Menschen hetzten, um ihre Züge in die Vorstädte oder in die Büros der City zu erreichen.

„Wie Ratten im Abwasserkanal“, ging es ihm durch den Kopf.

Auch er ist so eine graue Ratte. Hastet morgens und abends durch diese Röhre, um sich freitags im Lohnbüro 400 Euro abholen zu können. Sie dann nach Hause zu Frau und Schwiegermutter zu tragen. Zwischendurch darf ihn sein Chef nach Belieben zur Schnecke machen. Er hat ihn ja gekauft!

Uwe wandte sich in die andere Richtung. Vorbei an den halb vergammelten Marlboro- und Waschmittel-Plakaten. An dem bunten Graffito „No Money – No Fun“,das die gekachelte Tunnelwand schon seit mindestens fünf Jahren zierte. Aus den Ecken stank es nach Urin.

Heute widerte ihn das alles an.

Er passierte die Fahrkartenschalter. Hier kauft er jeden Montag bei der kleinen Blonden am Schalter acht seine Wochenkarte. Er freut sich immer auf diesen Augenblick, denn er flirtet dann einige Minuten mit ihr.

Schalter acht, der einzige Ort, der in den letzten drei Jahren ein bisschen Farbe in Uwes graues Angestelltenleben bringt, war heute Nacht nicht besetzt. Ein graues, ausgefranstes Kunststoff-Rollo und davor ein abgegriffenesAluminiumschild „Schalter geschlossen“, verbargen den Platzseiner Sehnsucht.

„Die wäre die Frau für’sLeben. Immer freundlich. Hübsch. Vor allem jung. Bestimmt aus gutem Hause. Liebenswürdige Schwiegereltern“, träumte er imVorbeihasten, „Schwiegermutter? Nein. Keine Schwiegermutter mehr und sei sie auch noch so nett.“

Er lief weiter durch die Bahnhofshalle, dem Hauptausgang entgegen.

Stemmte sich gegen die schwere Glastüre, die im Winter als Bollwerk gegen die Kälte desBahnhofsvorplatzes dienen soll.

Endlich draußen.

Er atmete tief durch. Sog die kalte Winterluft durch die Nase, dass ihm Tränen in die Augen schossen.

Er fühlte sich frei. Langsamlöste sich seine Anspannung. Er war unglücklich und froh zugleich.Unglücklich über sein ganz beschissen normales Leben und froh darüber, dass er es heute endlich getan hatte.

„Es ist wie heiß und kalt duschen“, dachte Uwe. „Das Prickeln auf der Haut ist das selbe, nur das Gefühl ist viel, viel tiefer drin.“

Sein durch die Jahre stark zerzaustes und niedergetrampeltes Pflänzchen Selbstbewusstsein erhielt neue Triebe. Es wuchs.

Sein betagter Opel parkte rechtsum die Ecke. Gegenüber lockten die blinkenden, glitzernden Reklametafeln des Bahnhofsviertels.

„Uwe, jetzt hast du die Wahl“, redete er sich zu.

Tief steckte er die Hände in die Manteltaschen, ging geradewegs über den schmutzigen  Bahnhofsvorplatz und verschwand in den Gassen des Rotlichtbezirks.

Nach der gelungenen Tat fühlte er sich wie neu geboren.

Er lächelte, als er aus weiter Ferne das Pfeifen einer Lok vernahm. „Ich pfeif’ auch auf dich“, schrie er in die Nacht.

Vor dem Schaufenster einer Bar blieb er stehen. Betrachtete interessiert die Fotos der halbnackten Mädchen, während er aus der linken Manteltasche eine Fahrkarte zog.

„Ha, die braucht sie wohl  nicht mehr“, brummte Uwe zufrieden vor sich hin.

Zerriss die Karte und ließ die Schnipsel durch das Gitter eines Lichtschachts nach unten ins Dunkle gleiten.

„Weg. Wie sie auch. Und – rote Lichter gibt’s hier auch“, höhnte er.

Er wandte sich um und schlenderte über die Straße. Die Eckkneipe machte einen guten Eindruck auf ihn, bevor er eintrat. Uwe setzte sich an die schäbigeBar.

„Guten Abend. Ein Bier, bitte.“

„Hier gibt’s nur Gedeck“, sagte der verschwitzte Dicke hinter dem Tresen.

„Was ist ein Gedeck?“

„Ein Bier und ’n Schnaps“, antwortete der barsch, „und kostet für solche wie dich fünfzehn fünfzig.“

„Okay. Geben Sie mir ein Gedeck.“

Uwe hing schon wieder seinen Gedanken nach. „Wochenlang hat sie mich drangsaliert: Uwe, warum machst du das oder jenes nicht? Warum hast du nicht studiert? Andere verdienen viel mehr als du! Uwe, der Nachbar hat aber ein größeresAuto! Du musst mehr arbeiten, dann kannst du’s dem…..“

Der Dicke unterbrach ihn: „Hier dein Gedeck. Fünfzehn fünfzig.“

Uwe kramte in seiner Hosentasche, zog einen zerknüllten Fünfzig-Euroschein heraus, legte sie auf den alten Mahagonitresen.

„Hee! Bringen Sie mir gleich noch eins.“

Während er sich bequemer auf dem hölzernen Barhocker einrichtete, äffte er sie leise nach: „Warum hast du nicht im Westend eine Wohnung gekauft, statt soeiner billigen Absteige! Nachwuchs bekommst du auch nicht hin! Vielleicht, Uwe, ha, ha, ha, Uwe, bist du nicht in der Lage…“.

„Willst du was von mir?“ Baute der Barkeeper sich vor ihm auf, als er Uwe murmeln hörte.

„Nein, nein – oder doch. Einen doppelten Bourbon mit Eis. Und Keeper! Wo gibt’s den hier die hübschesten Mädchen?“

Uwe warf noch drei Fünfziger achtlos auf den Tresen. „Wenn das aufgebraucht ist, geben Sie mir Bescheid“, sagte er bestimmt zu dem Fettwanst.

Uwe war kein Trinker. Doch in dieser Nacht wusste er nicht, wie er die paar Meilen von der letzten Bar bis zu seiner Haustür geschafft hatte. Wankend und vor sich hinsummend stützte er sich mit einer Hand auf den Türknopf. Mit der anderen grub er in seinen Taschen nach dem Hausschlüssel.

Blitzartig ging die Türe auf. Er erschrak. Kam ins Wanken. Fiel seiner Frau fast in die Arme.

Mit ihren stechend blauen Augenmusterte sie ihn und kreischte: „Uwe, wo kommst Du her? Was hast du mit meiner Mutter gemacht? Sie rief vollkommen aufgelöst an! Seit Stunden sitzt die alte Dame in einem Polizeirevier in Karlsruhe! Du hast sie ohne Fahrkarte in den falschen Zug gesetzt! Du fährst sofort hin und holst sie ab!“

© 2015 Copyright by Carlos Wolf