Der Bär ist los

Da hatte Oliver etwas Schönes angerichtet. Durch seine unersättliche Neugier trieb er seinen Vater so weit, dass dieser seinem Lieblingsonkel Hausverbot erteilen wollte. Wo er von dem doch immer spannende Dinge erfuhr.

„Es gibt Bären, die sind festgewachsen“, behauptete der kleine, quirlige Oliver beim sonntäglichen Mittagessen.
„Natürlich, wenn sie eingesperrt sind, wie im Zoo“, erwiderte seine vier Jahre ältere Schwester Beate besserwisserisch am anderen Ende des Tisches, während sie lässig mit der linken Hand ihren Kopf stützte und in der rechten mit dem Löffel versuchte, die Suppennudeln in ihrem Teller zu Figuren zu formen.
Oliver schüttelte den Kopf, dass die halblangen, blonden Haare herumwirbelten: „Die sind nicht eingesperrt. Die sind im Wald.“
„Erzähl keinen Quatsch und iss“, verlangte seine Mutter, denn sie wusste, dass die Phantasie sehr oft mit ihrem Kleinsten durchging.
„Doch, gibt es! Die sind festgewachsen und können deshalb nicht fortlaufen“, beharrte der kleine Mann auf seiner Aussage, dabei schaute er seine Mutter entschlossen an.
Beate lachte und provozierte ihren Bruder: „Oli ist aber dumm!“
„Ich bin nicht dumm! Ich habe…“
„Wo hast du denn den Unsinn aufgegabelt, Oliver?“ fragte sein Vater beiläufig.
„Onkel Fred hat mir gesagt, dass es solche Bären gibt“, antwortete Oliver und stocherte beleidigt in der Nudelsuppe herum.
„Du weißt doch, daß Onkel Fred nur Unsinn erzählt“, tat Walter gegenüber seinem Sohn lapidar ab.
„Wie kannst du vor meinen Kinder behaupten, mein Bruder erzähle Unsinn!“ brauste seine Frau auf.
„Es sind nicht nur deine Kinder, sondern auch meine, Elfi!“
„Das ist vollkommen egal. Jedesmal stellst du meinen Bruder vor den Kindern als Blödmann hin“, antwortete sie verschnupft und zupfte sichtlich erregt an ihrer neuen Dauerwelle herum.
„Er erzählt nun mal immer Mist“, erwiderte Walter gelassen und schöpfte sich noch einen Teller Suppe ein.
„Oliver, da hast du sicherlich etwas falsch verstanden“, wandte sich Elfi an ihren Sohn und versuchte so, den aufkeimenden Streit noch zu verhindern.
„Nein!“ kam es wie aus der Pistole geschossen. „Onkel Fred hat das gesagt.“
„Da siehst du, dein sauberer Bruder erzählt meinen Kindern nur Unsinn, den werde ich beim nächsten Mal…“
„Wirst du nicht, mein Bruder hat schließlich studiert und du nicht!“ unterbrach Elfi gereizt ihren Mann und fügte hinzu: „Oliver hat bestimmt etwas falsch verstanden.“
Walter knallte verärgert seinen Löffel in den Suppenteller und wurde barsch, „Soziologo oder so ähnlich, das ist doch kein Beruf, das ist brotlose Kunst! Der soll mal wie ich auf dem Bau arbeiten, dann erzählt der meinem Sohn auch keinen solchen Quatsch mehr!“
„Soziologie heißt das“, berichtigte sie ihn triumphierend.
„Logie, loga, logu – wurstegal! Da kannst du nur Sozialhilfeempfänger von werden oder – wenn du Glück hast, wie er – Beamter“, ereiferte sich Walter und ballte seine schwieligen Hände.
„Aber Vati, was sind das jetzt für Bären, die festgewachsen sind?“ hakte der Junge vorsichtig nach.
„Es gibt nur Beeren, wie Johannisbeeren und Erdbeeren, die festgewachsen sind – und die schreiben sich: B-e-r-e-n und nicht B-ä-r-e-n, wie die Bären im Zoo.“
„Mit zwei E, Papi. B-e-e-r-e-n“, verbesserte die etwas dickliche Beate ihren Vater.
„Jetzt werde du nicht frech! Und setz’ dich ordentlich hin beim Essen“, schimpfte Walter.
„Mensch! Dann sind die also doch angewachsen!“ staunte der Knabe vollkommen überrascht.
„Diese Beeren sind Pflanzen und…“
„Es gibt Tanzbären“, unterbrach Elfi ihren Mann, „Die sind braun und haben meistens einen Rock an. Die sind aber auch nicht angewachsen, sondern angebunden.“
„Das ist doch dummes Zeug, was du erzählst“, schüttelte Walter verächtlich den Kopf. „Es gibt Höhlenbären, aber keine Tanzbären.“
„Gibt es wohl!“ hielt sie dagegen.
„Gibt es nicht! Das hast du wohl auch von deinem Bruder! Gib mir etwas von dem Braten“, erwiderte Walter aufgebracht mit hochrotem Kopf und hielt ihr seinen leeren Teller über den Tisch.
Elfi schmollte und reagierte nicht. Die Kinder saßen mit gesenkten Häuptern über ihren Tellern und schauten sich vorsichtig an.
„Bei uns am Tisch sagt man immer noch bitte, wenn man etwas möchte“, feindete Efli ihren Mann schnippisch an.
Walter brummelte daraufhin etwas in seinen Bart.
„Hört ihr, Kinder, Vati ist ein Brummbär“, provozierte sie ihn weiter, während sie sich ein wenig erhob, um Walter ein Stück Braten aufzulegen..
„Vati“, schaltete sich daraufhin Beate mutig ein: „Es gibt keine Höhlenbären. Aber es gibt eine Bärenhöhle, das hab’ ich in der Schule gelernt.“
„Natürlich gibt es Höhlenbären! Das sind die ganz großen, die leben in Höhlen und heißen deshalb Höhlenbären.“
„Gibt es nicht“, hielt sie ihm entgegen.
„Widersprich gefälligst deinem Vater nicht immer, der ist schließlich älter als du und deshalb weiß er das“, intervenierte Elfi gebieterisch, „Und wenn der sich auf die faule Bärenhaut legen würde, dann hätten wir bald nichts mehr zu essen.“
„Uhh, der hat doch keine Bärenhaut. Sonst müßte Vati ja überall Haare haben und der hat ja fast keine mehr“, lachte Oliver. Er konnte sich kaum beruhigen und fuhr glucksend fort: „Dann sähe Vati aus wie mein Teddybär und hätte auch ’nen Knopf im Ohr.“
„So, jetzt ist Schluß mit Bären oder Beeren. Beate, du holst sofort das Lexikon“, befahl Walter seiner Tochter und rückte etwas vom Tisch ab.
„ Laß doch das Kind erst zu Ende essen, Walter.“
„Nein. Ich werde euch beweisen, daß es Höhlenbären gibt. Und dann ist diese Diskussion beendet, schließlich haben wir Sonntag und ich will mich nicht mit blöden Bären herumärgern“, konstatierte der Vater, während die Tochter zum Bücherschrank lief und das Große Universal-lexikon anschleppte.
„Höh…, Höhle…, Höhlenbär, da ist es. Ur-su-s spe-la-e-us“, las Walter etwas unbeholfen. „Ein über drei Meter langer, ausgestorbener, eizei…“
„Ätsch, Papi. Ausgestorben! Den gibt es nicht mehr!“ triumphierte Beate und schwang ihre Gabel durch die Luft.
„Paß auf, daß hier nicht gleich der Bär los ist und du ein paar hinter…“
Oliver fiel seinem Vater ins Wort und starrte ihn dabei mit weit aufgerissenen Augen an: „Wenn du den Bär los machst, Papi, dann ist der doch festgewachsen?“
„Nein, verdammt noch mal. Das ist sagt man nur so, Oli.“
„Das ist eine Redewendung“, bemerkte Elfi gegenüber ihrem Sohn und, etwas vorwurfsvoller an Walter gerichtet: „Wie kannst du auch die Kinder so durcheinander bringen, Walter. Schließlich steht hier in dem Buch schwarz auf weiß, daß es keine Höhlenbären mehr gibt.“
„Und du..“, giftete er Elfi an und knallte dabei sein Besteck auf den Tisch: „außer Erdbeeren kennst du überhaupt keine Bären!“
„Doch, in Australien den Koalabär zum Beispiel. Das habe ich im…. “, triumphierte sie.
„Was, es gibt einen Colabär?“ rief Oliver erstaunt dazwischen.
„Nein, der heißt Ko-a-la-bär. Das kam gestern im Fernsehen“, berichtigte Elfi ihren Sohn.
„Es gibt auch noch den Braunbär und den Grizzlybär“, unterstützte Beate ihre Mutter.
„Und den Eisbär“, setzte Elfi noch eins drauf, während sich die Mine Walters zusehens verdunkelte.
„Den Brillenbär..“ versuchte Beate noch hinzuzufügen, als Oliver ihr ins Wort fiel: „Hahaha, Brillenbär, hahaha, der sieht wohl nichts, wie mein Freund Tobias, die Brillenschlange, hahaha.“ Oliver faßte sich wieder: “Onkel Fred hat auch gesagt, es gibt Bären, die können fliegen. Ganz, ganz hoch!“ dabei streckte er sich und hob seine kleinen Arme weit nach oben.
Die ganze Familie protestierte: „Das gibt es nicht!“
„Doch!“
„Welcher Bär sollte wohl fliegen können, Oliver?“ fasste der Vater erregt nach.
„Onkel Fred hat gesagt, der Hub – schrau – bär!“ rief der Sohnemann überzeugt über den Tisch.
Allgemeines Gelächter, nur Walter sprang wütend auf und eilte zur Tür.
„Was ist denn? Wo willst du hin?“ fragte seine bessere Hälfte.
„Telefonieren! Deinen Bruder anrufen! Der kommt mir nicht mehr ins Haus! Laufend bindet der meinen Kindern einen Bären auf!“
Elfi rief ihm noch nach: „Aber Walter, jetzt sei doch nicht so bärbeißig!“