Erkenntnis

„Papi, warum haben die Giraffen so lange Hälse?“
„Ich will jetzt Zeitung lesen, Tim. Frag Mami, die hat Biologie studiert, die weiß das ganz genau.“
„Mami hat gesagt, sie hat jetzt keine Zeit, weil sie kochen muss, und ich soll dich fragen“, baut sich der Fünfjährige, die Hände in die Hüften gestützt, vor seinem Vater auf.
Mit einem flüchtigen Blick über den Zeitungsrand antwortet der Vater: „Also, die Giraffen kommen schon mit so langen Hälsen auf die Welt.“
„Aber Papi, warum kommen denn die Giraffen mit so langen Hälsen auf die Welt?“
Der Vater lässt die Tageszeitung auf den Schoß sinken, nachdenklich antwortet er: „Hmm – die brauchen den langen Hals, damit sie nicht verhungern. Sie können so nämlich die Blätter von den Bäumen fressen, mein Sohn.“
„Aber – aber im Fernsehen hab ich Giraffen gesehen, Papi, die standen in ganz hohem Gras und da waren ganz wenig Bäume. Warum fressen die nicht einfach Gras?“ lässt der Kleine nicht locker.
Stirnrunzelnd, sich in seinem Sessel aufrichtend, antwortet der Vater: „Weil – hm, weil… das ist so. Vor langer Zeit hatten die Urgroßeltern der Giraffen bestimmt auch mal ganz normale Hälse, und da konnten sie das Gras in der Savanne vom Boden fressen und..“
„Papi, was ist Savanne?“
„Die Savanne ist ein großes ebenes Grasland in Afrika.“
„Und wo ist Afrika?“
„Afrika? Hmm – Afrika ist da, wo die Schwarzen leben.“
Vollkommen überrascht, mit weit aufgerissenen Augen schaut Tim seinen Vater an, beugt sich ganz dicht zu ihm, damit es ja kein Dritter hören kann, und sagt ganz leise: „Soo ein Schwarzer, wie bei Metzger Maier wohnt?“ Und dann etwas lauter: „Und warum hat der dann keinen so langen Hals?
Mit leicht entrüstetem Tonfall antwortet er seinem Sohn: „Der braucht keinen so langen Hals, weil der nämlich was anderes isst. Das mit dem Hals der Giraffe hat außerdem etwas mit Mu…“
Papi …“ fällt ihm der Kleine ins Wort.
„Lass mich bitte jetzt ‚mal ausreden! Damit ich dir das erklären kann …“
„Aber Papi! Peter hat gesagt, sein Vater hat gesagt, die Giraffen haben so lange Hälse damit, sie viiiel weiter sehen können!“
„Ach, Quatsch! Das ist doch absoluter Blödsinn! Das mit den Hälsen hat etwas mit Mutation zu tun,“ erwidert der Vater barsch und macht dabei eine wegwerfende Handbewegung.
„Papi, was ist Muta – äh, Muta …?“fragt Tim, hilflos dreinschauend.
„Mutation! Hmm – Mutation ist…?“ konsterniert und genervt schreit er in die Küche zu seiner Frau: „Mooonika! Moooni! Was ist Mutatiooon?!“
„Mutation?“ fragt sie nach, um sich eine kleine Denkpause zu verschaffen. Dann spult sie das einmal im Biologiestudium Erlernte nüchtern ab, und im Oberlehrerton kommt die Antwort aus der Küche: „Mutation ist die spontan oder künstlich erzeugte Veränderung im Erbgefüge!“
Während er selbst über die Aussage seiner Frau nachdenkt und dabei zu dem Schluss kommt, dass diese Erklärung für ein Fernsehquiz als Antwort in Ordnung geht, jedoch nicht für ihren gemeinsamen Sohn, sagt er lapidar: „Hörst du, mein Sohn. Das hat also etwas mit Zufall zu tun“, dabei legt er seine Zeitung beiseite und fährt fort: „und zwar, hm.. zum Beispiel wie bei den Schwarzen. Es gibt auf der Welt viele Menschen mit verschiedener Hautfarbe, Tim. Weiß, so wie du und ich, es gibt noch Gelbe die wohnen hauptsächlich in Asien, und es gibt Schwarze. Die Schwarzen gibt es in verschiedenen Tönungen von hellbraun bis ganz dunkel. Und dass die so sind, ist Mutation.“
„Papi, aber warum gibt es so viele Tönungen, und warum ist der bei Metzger Maier ganz, ganz schwarz?“
„Vor langer Zeit, es ist bestimmt schon eine Ewigkeit her, da gab es nur ein paar Menschen auf der Erde, die hatten alle dieselbe Hautfarbe. Und die haben Kinder bekommen, und diese Kinder haben wieder Kinder bekommen, und so haben die sich immer weiter vermehrt und ausgebreitet …“
„Ist das, wie mit meinen Meerschweinchen, Papi?“ fragt, Tim sichtlich erstaunt.
„Ja, so ähnlich, mein Sohn.“ seufzt der Vater und ist froh, wieder auf ein leichteres Thema gekommen zu sein: „Siehst du, deine zwei Meerschweinchen haben vor vier Wochen Kinder bekommen, und wenn die noch mehr Kinder bekommen, und die Kinder auch wieder Kinder bekommen, dann brauchst du irgendwann eine zweite Kiste.“ Plötzlich unterbricht er seine Erklärung, zieht die Augenbrauen nach oben, legt die Stirn in Falten, rutscht unruhig auf seinem Sessel herum und sagt, während in seiner Fantasie das Haus schon übervölkert ist mit diesen Nagetieren: „Übrigens. Gut, dass du mich daran erinnerst! Mit deinen Meerschweinchen müssen wir etwas unternehmen, sonst brauchst du bald mehr als nur zwei Kisten.“ Etwas erleichtert, da er glaubt, das Nagetierproblem in seinem Hause erkannt zu haben, fährt er in seiner Ausführung über Mutation fort: „Und so sind vor vielen, vielen Jahren Menschen nach Afrika gewandert, weil sie auch Platz zum Leben gebraucht haben. Da es in Afrika sehr heiß ist, und die Sonne den ganzen Tag fürchterlich brennt, wurden die Menschen immer dunkler …“
„Papi, Papi! Ist das so wie bei Mami, wenn sie vom Sonnenstudio kommt?“
„So ungefähr ging das vor sich mit den Schwarzen. Nur dass Mami im Sonnenstudio ein bisschen braun und nicht dunkel oder schwarz wird. Überhaupt ist das ein Unfug, sich laufend auf die Sonnenbank zu legen! Hab‘ mir sagen lassen, gesund ist das auch nicht …“
„Papi, sind dann alle Schwarzen krank?“ unterbricht Tim entsetzt.
„Nein, die wurden von Generation zu Generation, also ganz langsam, immer dunkler und schützen sich auf diese Weise vor der starken Sonneneinstrahlung“, und etwas nachdenklich fügt er hinzu, „Da wo die Sonne am stärksten scheint, sind sie, glaube ich am schwärzesten.“
„Da kommt bestimmt der Schwarze von Maiers her, Papi,“ stellt der Kleine überzeugt fest.
„Das kann schon sein, mein Sohn. Siehst du, so eine Entwicklung, wie sich etwas langsam von Generation zu Generation verändert, nennt man dann Mutation. Hast du das verstanden, mein Kind?“
„Klar Papi! Also – weil die Schwarzen schwarz sind, deshalb haben die Giraffen soo lange Hälse!