Europa – Man muß sich jetzt anpassen

Der immer blaue, wolkenlose Himmel, die sanften Wellen des Mittelmeers, der Vieux Port mit seinen zahlreich dahin dümpelnden Segeljachten, die alten Festungsanlagen Fort St. Nicolas und Fort St. Jean, die bedrohlich seit Jahrhunderten die Hafeneinfahrt bewachen. Die weißen, mit staubiger Patina überzogenen, arabisch anmutenden Häuser, die in strenger Ordnung um den weitläufigen Hafen stehen. In jedem Haus ein schmuddeliges Café, ein kleines Bistro, eine heruntergekommene Pension oder ein kaltes, stinkendes Fischgeschäft. Am Kai, zwischen fliegenden Händlern und Fischern, auf die Abfahrt ihrer Fähre zum Château d’If Wartende.
Die Bannmeile der Stadt, La Canebière, die Rue de Rome und Rue Paradise: glitzernde Einkaufstraßen, auf denen zwischen großen Kaufhäusern arabische Händler, nordafrikanische Handwerker und die noble französische Haute Couture ihre Waren an anbieten.
In den Straßen ratternde, hupende, kreischende Autos. Überall Menschen, orientalisch, afrikanisch, schwarzhaarig. Jeder hastet in eine andere Richtung. Jeder scheint beschäftigt, hat es eilig.
Marseille! Eine Großstadt in Europa.
Hier steht das Hotel Concorde – Palm Beach an der Corniche. Nein, es steht nicht an, es wurde unter die berühmte Uferstraße gebaut. Hängt zwischen vierspuriger Straße und Meer. Trotzdem ruhig. Schwimmbad, Restaurant, Shops, erstklassiger Service, alles, was man zum Entspannen und Wohlbefinden braucht, und wie man das von den französischen Hotels gewöhnt ist.
Es ist der exotische Flair der nahen Hafenstadt, das vermeintliche Chaos lateinischer Städte und die Ruhe in diesem scheinbar autarken Hotelrefugium, das mich seit fünfzehn Jahren für zwei oder manchmal drei Mal im Jahr anzieht. Nur um sich zu sammeln, entspannen und um auf neue Gedanken zu kommen.
Das Hotelpersonal, genauso bunt zusammengewürfelt, wie die Einwohner der Stadt: Araber, Farbige, Asiaten. Der ganze Querschnitt der ehemaligen französischen Kolonien, vermengt mit den schwarzhaarigen Südfranzosen steckt in schillernden, mit Epauletten besetzen Uniformen als Pagen, oder Kellner, oder im gediegenen schwarzen Anzug als Hotelmanager, die nur noch von ihren Gästen durch kleine Namensschilder am Revers zu unterscheiden sind.

Als ich vor einigen Tagen wieder vor die Eingangshalle fuhr, freute ich mich schon auf das immer wiederkehrende Procedere des Begrüßens und das ‘check in’ durch den Concierge. Ein hochgewachsener Araber wahrscheinlich marokkanischer Abstammung, aber mit französischem Pass. Auf diese Betonung „aber“ legt er wert. Lockige Haare und im Stil der französischen höheren Schulen erzogen. Ich kenne ihn schon nahezu fünfzehn Jahre und schmunzle seither über sein steifes Verhalten. Nur die Bügelfalten seiner Hose sind noch steifer als er.

Er pflegt Stammgäste immer persönlich zu begrüßen und zu bedienen. Nach dem fünften oder sechsten Jahr muss ich wohl vom einfachen Gast durch ihn zum Stammgast befördert worden sein.

Seit der Beförderung lief die Begrüßung und die anschließende obligatorische Unterhaltung mit dem Concierge in einem internationalen Kauderwelsch ab. Wobei er in seiner steifen Art, leicht über den Empfangstresen gebeugt, jedoch darauf achtend, diesen nicht zu berühren, mit mir Konversation betrieb. Er erklärte mir vor Jahren, dass er kein Englisch, kein Spanisch und überhaupt keine Fremdsprache spreche, allenfalls einige englische Worte verstehen würde. Deshalb sprach er immer langsam und in sehr gepflegtem französisch mit mir. Ich dagegen versuchte mich zu artikulieren, in dem ich ein paar Brocken französisch, vermengt mit englisch und ab und zu spanisch – ist ja auch lateinischen Ursprungs – dagegen hielt. Ich ließ mir Papier und Bleistift geben und malte etwas auf, bei weniger wichtigen Angelegenheiten gestikulierte ich mit Händen und Füßen. Oft bewaffnete ich mich auch mit einem Wörterbuch, wenn es um Politik, Sport oder sonstige weltpolitische Entscheidungen ging. Die Unterhaltung war anregend, jedoch habe ich immer nur die Hälfte von dem verstanden was er sagte.

Da mein Französisch mehr als unterdurchschnittlich ist, ich behaupte sogar, ohne in meinem Bekanntenkreis auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, sehr stark gegen Null tendiert, legte ich mir dieses Mal meine ersten französischen Sätze zur Begrüßung bereits während der Fahrt zum Hotel bereit. Ich übte laut vor mich hin: „Bonsoir, Monsieur. Comment allez-vous? Très bien,merci. J’ai réserver une chambre pour une semaine.“

Als ich vor den Tresen trat, legte ich sofort los: „Bonsoir, Monsieur“
„Guten Abend Herr Wolf“, antwortete mir der Concierge.

„Oh! Sie sprechen Deutsch? Wo haben Sie das gelernt?“ Sichtlich erstaunt zielte ich mit meiner Frage schon auf die erhoffte Antwort: im Abendkurs oder in der Volkshochschule.
„In der Schule.“
„In einer Abendschule oder in einer Sprachenschule? fragte ich neugierig.
„Nein, in der Schule!“
„Welche Schule meinen Sie?“
„Ich bin in Rabat geboren. Dort habe ich als Junge in der Schule ungefähr sechs Jahre Deutsch als Hauptfach gehabt.“ entgegnete er mir in fließendem Deutsch.
Mein etwas erstaunter, wenn nicht sogar blöder Gesichtsausdruck veranlasste ihn weiter zu sprechen: „Und weil wir Europäer doch alle zusammenrücken und die Grenzen fallen, muss man sich doch auch etwas anpassen.“
Ich schluckte verzweifelt während mir alle meine körperlichen und sprachlichen Verrenkungen einfielen, die ich in den letzten Jahren vor diesem Tresen machte, um mich mit ihm zu unterhalten!
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