Ideen liegen auf der Straße

Auch ich bin euphorisch vor die Türe gerannt, um für meine noch zu schreibenden Bestseller die großen Ideen auf der Straße einzusammeln. Das Einzige, was ich heimbrachte, war eine Influenza. Möglicherweise wohne ich in einer Straße ohne Ideen. Welch deprimierendes Schicksal für einen Schriftsteller!

Auf welchen Straßen lohnt sich die Jagd?

Beim näheren Betrachten dieses Gestrüpps roter, gelber und grauer Linien im Autoatlas türmte sich plötzlich Frage über Frage:
Werde ich auf deutschen Straßen nur deutsche Ideen finden? Liegen auf Siziliens Straßen Ideen für Mafiageschichten? Auf welcher Straße stöbert man die Idee für eine Agentenstory auf? Liegen Ideen für Liebesgeschichten etwa auf gepflegten Parkwegen? Bedeuten „übergeordnete Straßen“ auch größere Ideen? Sind Ideen von Regionalstraßen nur zum regionalen Gebrauch? Findet man auf Feldwegen lediglich holprige Ideen? Wurden Fußwege allein für kleine Ideen gebaut? Welche obskuren Ideen finde ich in Straßentunnels? Liegen vielleicht auf finsteren Waldwegen nur schlüpfrige und feuchte Ideen?

Wie kommen die Ideen auf die Straße?

Vielleicht werden sie von diesen orangenen Männern vom Straßenbauamt verteilt? Unter Planen versteckt verbirgt sich oft auf der Ladefläche ihrer Lkws eine klebrige dunkle Masse. Ist das die Substanz der noch „rohen“ Ideen? Wer schon daran vorbei fuhr, weiß, wie bestialisch unverteilte Ideen stinken.

Welchen Einfluss hat die Jahreszeit

auf Ideen, die auf der Straße liegen? Wahrscheinlich findet man in den Sommermonaten nur heiße Ideen. An manchen Stellen verflüssigen sie sich und hängen sich an Reifen und Schuhwerk, um achtlos verschleppt zu werden. In eisigen Wintermonaten benötigen Autoren bestimmt Pickel und Brecheisen um festgefrorene Ideen zu befreien.

Waten die Arbeiter der Straßenreinigung beim Frühjahrsputz etwa knietief in dem, was wir Autoren verzweifelt suchen? Unvorstellbar, wie viele bahnbrechende Ideen sie wohl täglich beseitigen und dadurch der Autorenwelt verloren gehen. Vielleicht wäre die Menschheit wesentlich weiter, wenn das Fegen der Straßen verboten würde.

Sind Parkplätze prädestiniert für gute Ideen?

Auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums fand ich achtlos weggeworfene Kassenzettel, Zigarettenkippen, welke Salatblätter, Bananenschalen und eine zerquetschte Aubergine. Sind das die Ideen, über die man schreiben kann? Im Geiste ging ich meine Bibliothek durch, konnte mich aber an keinen Titel erinnern wie: „James Bond jagt den Auberginenquetscher“, „lustige Erzählungen einer Zigarettenkippe“ oder „Wanderer trittst du auf Ba…“!

Wo finden sie nur diese Ideen,
die in 97 Sprachen übersetzt und selbst in den entlegensten Urwaldregionen der Molukken noch als Bestseller gehandelt werden? Neidisch versuchte ich in Romanen zu ergründen, auf welchen Straßen die Autoren ihre Ideen aufgelesen haben könnten. Den Inhalten zufolge mussten es oft ziemlich dunkle und schmuddelige Gassen gewesen sein. Ich nahm mir vor, bei den nächsten Autorenlesungen stets die Frage zu stellen: „Aus welcher Straße ist Ihre Idee?“

©Copyright 2015 by Carlos Wolf