Der Jagdhund

Nicht alles, was vier Beine hat und kläffen kann, ist auch zum Jagdhund geboren. Dies bewies der Cockerspaniel, den die Kinder ihrem Vater zur bestandenen Jägerprüfung schenkten.

Der Jagdinstinkt steckte wohl der ganzen Sippe im Blut, denn im Jagdzimmer des
geräumigen Anwesens hingen nicht nur die Trophäen der vergangenen Generationen an den Wänden, sondern auch, schön in einer Reihe geordnet, deren Jäger, meist männliche Ahnen. Natürlich nicht ausgestopft, wie die Jagdtrophäen, sondern, wie man so zu sagen pflegt, in Öl. Nein, auch nicht wie Sardinen in der Büchse, vielmehr von Künstlerhand mit Ölfarbe porträtiert und teils Barock, teils Rokoko umrahmt. Schlussfolgerte man aus der Üppigkeit der Bilderrahmen auf das vorhandene Vermögen, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass letzteres rapide nachgelassen haben musste. Denn für die Jäger aus jüngster Vergangenheit reichte es nur noch für schlichte, dunkle Holzrahmen.

Otto von Knipping war der einzige nicht hegende, pflegende, schießende und grün gekleidete männliche Vertreter des weitläufigen Familienstammes. Wenn man bedenkt, dass er bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr kein Interesse an der Jagd zeigte, so könnten böse Zungen behaupten, er lebte in der Zwischenzeit nicht artgerecht. Doch Erbmasse lässt sich auf Dauer nicht unterdrücken, auch nicht bei einer so starken Persönlichkeit, wie Otto von Knippling eine war. Plötzlich drang unvermittelt dieser tief verwurzelte Jagdtrieb bei ihm durch. Er paukte auf die Jägerprüfung und bestand sie mit Bravour.

Wie es sich gehört, wurde nach bestandener Prüfung ein Familienausflug zum angesehensten Ausstatter für Jagdbedarf unternommen, um den neuen Jäger mit passenden und waidgerechten Utensilien zu versehen. Schließlich wollte man sich nicht dazu herablassen, Otto die abgelegte Kleidung der Ahnen auftragen zu lassen – so schlicht fiel der Holzrahmen seines Bildes im Jagdzimmer nun auch wieder nicht aus.
Von Knippling wurde für Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter standesgemäß eingekleidet. Es versteht sich von selbst, dass alles nur noch in gedeckten, der Natur angepassten Farbtönen angeschafft wurde. Selbst das nächste Auto wählte er in zartem lindgrün, als geeignete Tarnfarbe für die zukünftige Pirsch.

Waffen waren durch die vorhergehenden Generationen in Hülle und Fülle vorhanden. Das einzige, was zum vollkommenen Waidmannsglück Otto von Knipplings noch fehlte, war der passende Jagdhund, dachten seine beiden halbwüchsigen Kinder.

Nachdem die Kinder heimlich Fachliteratur gewälzt und die vorhandenen Jagdhunde in der Verwandtschaft genauer betrachtet hatten, kamen sie zu dem Entschluss: „Vater bekommt einen nicht zu großen, etwas kompakten, noch im Auto transportfähigen, für das Familienleben ebenso geeigneten, kinderfreundlichen, umgänglichen, gelehrigen und für die Jagd tauglichen Hund geschenkt. Nach tagelanger Suche bei verschiedenen Züchtern wurden die Kinder fündig. All die geforderten Eigenschaften erkannten sie in einem jungen, schwarzen Cockerspaniel. Nachdem die Kleinen einen stolzen Preis entrichtet hatten, händigte der Züchter den Welpen und die dazugehörigen Papiere mit den Worten aus: „Diese Rasse nennt man auch Jagdspaniel, weil sie während der Jagd als Stöberhunde eingesetzt werden.“

Die Geschwister schenkten noch am selben Tag dieses kleine schwarze Etwas ihrem Vater. Der war sprachlos. Doch er hatte keine andere Wahl. Und so wurden denn auch sofort die Aufgaben zur Betreuung und Aufzucht des reinrassigen, zukünftigen Jagdhundes von Otto von Knippling an die Familienmitglieder verteilt. Seine Planung war so konsequent, dass ihm selbst nur noch das leidige Problem oblag, den Hund mit auf die Jagd nehmen zu müssen.
Natürlich war das mit einem Welpen noch nicht möglich, deshalb blieb Blacky die ersten Monate zu Hause und wütete als zukünftiger Stöberhund im von Knippling’schen Anwesen. Er stellte ständig irgend etwas an. Einmal soff er Spiritus; ein andermal klaute er ein halbes Pfund Butter, fraß davon und verteilte den Rest auf dem antiken Gobelinsofa. Er hielt Frau von Knippling ständig in Bewegung.

Es kam der Tag, da beschloss der Waidmann, es sei die Zeit der Jugend und des Faulenzens für den Hund vorbei und er, Otto von Knippling, werde sich nun persönlich um die Ausbildung zum Jagd- und Gebrauchshund kümmern. Das erste autodidaktisch angeeignete Wissen über Hundeerziehung versuchte Otto im heimischen Garten mit dem mittlerweile etwas zu groß und zu temperamentvoll geratenen Cockerspaniel umzusetzen. Es tobte ein wochenlanger Kampf zwischen Herr und Hund. Bis Otto von Knippling sich entnervt geschlagen gab.

„Eine fachmännische Ausbildung für den Hund muss her“, konstatierte er. Ein hochdekorierter Experte für Hundefragen wurde aufgesucht. Beim Versuch, auf dessen Ausbildungsgelände den jetzt beinahe schon schäferhundgroßen Cockerspaniel vorzustellen, fiel dieser wie ein Herbsttornado an Floridas Küste über seine braven und lernwilligen Artgenossen her; wütete unter ihnen und hinterließ an Schlappohren, Schwanzspitzen, Hinterbeinen und sogar menschlichen Extremitäten eine Schneise der Verwüstung. Er malträtierte selbst den Spezialisten in Sachen Hundefragen dermaßen, dass dessen Hosenbeine und Hemdsärmel in wenigen Sekunden denen des schiffbrüchigen Robinson Crusoe ähnelten. Noch nach Wochen gehörten Rechnungen von Tierärzten zur täglichen Post der von Knipplings. Der Fachmann gab Herrn von Knippling den gut gemeinten Rat: „Ei, Otto – den lässt Du am besten gleich einschläfern!“

Doch es schweißt im Leben nichts so sehr zusammen wie ein gemeinsamer Feind. Aus diesem Grund wurde die Erziehung wieder im eigenen Garten unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgenommen. Schließlich hatte nicht nur der Cockerspaniel seinen Stolz, sondern auch sein Besitzer. Nach Monaten des Übens folgte der Hund seinem Herrn auf’s Wort. Wenn dieser sagte:“ Geh’ Platz oder nicht!“, dann ging er Platz oder auch nicht. Wobei eine erhebliche Denkpause zwischen dem Hören und dem Tun mittlerweile von Otto von Knippling akzeptiert wurde.

Eine schnelle Auffassungsgabe bewies Jagdhund Blacky jedoch schon. Er erfasste sofort, dass die Küche das Schlaraffenland sein musste. War er hungrig, trug er demonstrativ seinen Fressnapf in die Küche und ließ ihn vor Frauchen fallen, denn schließlich war sie für die Versorgung der ganzen Familie zuständig.

Die Erziehung gedieh nie so weit, als dass der Cockerspaniel auf die Jagd mit durfte. Bereits die ersten, vorsichtigen Versuche endeten kläglich. Einmal rannte er einfach wieder nach Hause, ein anderes Mal war er nicht aus dem Auto zu bewegen. Nach jeder Kapriole verging Otto von Knippling mehr und mehr die Lust, seinen Hund mit auf die Pirsch zu nehmen. Irgendwann wurde dies gänzlich eingestellt und der Jagdhund blieb zu Hause. Blacky blühte auf. Ohne die lästigen Lektionen hatte er endlich Zeit, den weitläufigen Garten in eine Mondlandschaft zu verwandeln und das Haus in ein wahres Chaos zu stürzen.

Er dehnte seinen Machtbereich sogar weiter aus und versperrte ab und zu den Nachbarn den Weg ins eigene Haus, indem er sich knurrend vor deren Haustür legte. Natürlich hatte Blacky festgestellt, dass er bei solchen Aktionen sofort von Frauchen belohnt wurde. Sie versuchte ihn durch kleine Leckereien von seinen zahlreichen Vorhaben abzubringen.

Nur bei seiner täglichen Hatz auf den Postboten und Zeitungsjungen bewies Blacky doch noch Jagdinstinkt. Er trieb sie durch den Vorgarten, wie es sich für einen richtigen Stöberhund derer von Knipplings geziemt.