Kunstraub

Sie waren zwei kleine Ganoven und träumten vom großen Geschäft. Nach ihrem Einbruch ins Museum ging kräftig in die Hose. Sie mußten feststellen, daß es doch noch intelligentere gab als sie.

„Hey Pit, ich hab die Idee, wie wir ans große Geld kommen.“
„Und wie?“
„Wir rauben die Bank hier um die Ecke aus“, flüsterte ihm sein Freund Eckbert Müffling zu.
„Was? – Oh Mann, Mufty. Du bis so blöd, wie du dick bist“, wurde der lange Pit ausfällig, während er sich in ihrer Stammkneipe „Zum Goldenen Hirsch“ auf die Eckbank fallen ließ. Hier hatten die beiden Spitzbuben schon manches kleine Gaunerstück ausgeheckt.
Sein Freund Mufty saß einfältig grübelnd auf einem der alten Holzstühle. Alle nannten ihn Mufty, aber nicht, weil er Müffling hieß, sondern weil Eckbert es mit Körperpflege und Wäschewechseln nicht sehr genau nahm. Deshalb blieben an heißen Tagen die Plätze im Goldenen Hirschen neben ihm frei.
„Warum? Ist doch praktisch. Ist gleich nebenan, da können wir hinlaufen“, versuchte Mufty seinen Plan zu rechtfertigen.
„Bist du verrückt? Gestern hatte ich Streit mit dem Direktor, weil ich mein Konto um fünf Riesen überzogen habe. Außerdem ist meine Wohnung gleich nebenan.“
„Na und? Wir…“
„Da marschieren wir einfach unerkannt rein und wieder raus. Was!?“ unterbrach Pit sarkastisch.
Beleidigt wandte sich Mufty ab: „Du hast ja auch keine zündende Idee.“
„Doch!“
„Was für eine, Pit?“
„Komm, setz dich neben mich. Das braucht nicht jeder hören“, Pit klopfte mit der Hand auffordernd auf das Polster der Eckbank.
Der dicke Mufty schob den schweren Tisch beiseite und quetschte behäbig seinen fetten Leib auf die Eckbank. Bei seinem letzten Job als Kurierfahrer, erklärte Pit mußte er ein Päckchen in „Meyers Privatmuseum“ abliefern. Der Pförtner erzählte ihm, daß das preiswerteste Bild dort fünf Millionen Mark wert sei. Seither war Pit mehrmals im Museum, hatte sich neben den vielen Gemälden auch den Bau, die Fenster und ganz genau die Alarmanlage angeschaut.
„Das ist ein Kinderspiel. Die Bilder sind nicht einzeln gesichert. Wir gehen nachts übers Dach. Steigen durch die hinterste Luke gleich neben dem Zentralkasten der Alarmanlage und entschärfen sie“, beendete Pit seinen Plan.
„Okay, wann?“ fragte Mufty interessiert.
„Die haben Montags geschlossen, also von Sonntag auf Montag. Besorg du den VW-Bus von deinem Bruder, alles andere erledige ich“, führte Pit weiter aus. Sichtlich zufrieden verließen die zwei die Kneipe, denn sie hatten sämtliche Details geklärt und waren überzeugt, ab Dienstag Millionäre zu sein.

Sonntagnacht parkten sie den Bus in der kleinen Gasse ganz dicht an der rückwärtigen Museumsmauer.
„Sag, Pit – seit wann hast du denn Ahnung von Kunst“, fragte Mufty seinen Freund, während er um den Bus herumkam.
„Habe ich keine“, antwortete Pit, zog dabei gedankenlos das alte Knöllchen unter dem Scheibenwischer vor, zerknüllte es und warf es in die Gosse.
„Und wie willst du wissen, mit welchen Bildern wir die meiste Kohle verdienen?“
„Ist doch klar. Die größten Bilder sind immer die teuersten“, sagte Pit.
Mufty stieg auf die Stoßstange. Pit schob von hinten kräftig, um den Dicken auf das Autodach zu bekommen. Von da war es ein leichtes, auf das Dach des Museums zu klettern.
„Mensch, Mufty! Du wiegst bestimmt drei Zentner“, prustete der naßgeschwitzt Pit.
„Frechheit! Ich wiege genau zweihundertsechzig Pfund. Wenn ich Millionär bin, mach ich ‘ne Schrotkur“, antwortete Müffling gereizt.
Sie schlichen vorsichtig zur hintersten Dachluke. Im Nu hatten sie diese aufgebrochen. Pit schlüpfte durch und Mufty wollte folgen, doch mit seinem dicken Bauch blieb er im Rahmen stecken. Er wand sich und strampelte – vergeblich! Er saß fest, wie ein Korken in der Flasche.
„Verdammt! Versuch du, wieder raus zu kommen – ich hol die Bilder “, zischte Pit und schlich durch die Museumsräume davon.
Der dicke Müffling hatte sich gerade aus seiner mißlichen Lage befreit, als Pit das größte Bild, das er finden konnte, heranschleppte.
„Wirf den Strick runter!“ rief Pit leise nach oben. Mufty warf den Strick in das Gebäude.
„Du Esel, du sollt ein Ende oben behalten!“ zischte Pit böse. „Wie willst du jetzt das Bild hochziehen!?“
Es dauerte einige Minuten, bis Mufty begriff, doch dann hatten sie das erste Bild festgeschnürt und der Dicke auf dem Dach zog es hoch. Wie sie es auch drehten, das Bild paßte, genau wie Müffling, nicht durch die Öffnung.
„Nimm doch die billigeren Bilder, die passen auch durch die Luke“, riet Mufty.
„Wirf mir deinen Gürtel runter, dann kann ich die Bilder ausmessen“, forderte der bauernschlaue Pit.
Mit dieser Technik schafften sie es innerhalb kurzer Zeit, mehrere Kunstwerke von Picasso, Dalí und anderen zu entwenden.

Am nächsten Tag stand in allen Zeitungen: „Raub in Meyers Privatmuseum. Kunstwerke im Gesamtwert von über 30 Millionen Mark verschwunden. Da nur ganz bestimmte Werke entwendet wurden, geht die Polizei von hochspezialisierten Fachleuten aus. Museumsdirektor Eberling weilt zur Zeit auf einer Auktion in New York. Er ist bereits auf dem Rückflug.“
„Hast du das gelesen, Pit?“ schlug Mufty stolz die Zeitung auf. „Wir sind Fachleute und seit gestern Millionäre.“
„Langsam, langsam. Übermorgen treffen wir unseren Abnehmer, wenn der uns das Geld gibt, sind wir Millionäre“, versuchte Pit den aufgedrehten Freund zu beruhigen.

Zur Mittagszeit fuhren die beiden in den Ostteil der Stadt, um ihren Hehler zu treffen und die Übergabe zu regeln. Sie hatten sich in einem kleinen, schmuddeligen Stehcafé verabredet.
„Okay, wir wollen mindestens zehn Mio für die Bilder“, forderte Pit.
Der zwielichtiger Abnehmer fing an zu lachen: „Ihr wollt mich wohl verarschen, was?“
„In der Zeitung steht, daß die mindestens dreißig Millionen wert sind“, konterte Pit überzeugt.
„Hast wohl heute noch keine Zeitung gelesen?“ antwortete der Hehler und warf die neuste Ausgabe der Lokalzeitung auf den kleinen Tisch. „Hier, lies mal, auf der zweiten Seite.“
Pit schlug nervös die Zeitung auf und las halblaut: „Museumsdirektor Eberling informierte nach seiner Rückkehr von New York die Presse, daß die gestohlenen Werke nur Dublikate seien. Um die teure Versicherungsprämie zu sparen, habe man vor Jahren die Originale in einen Tresor eingelagert.“
Mufty fing an zu schnauben: „Diese Schweine! Die betrügen die ehrlichen Besucher.“
Selbst auf mehrmaliges Bitten der beiden wollte der Schieber das Raubgut nicht ankaufen.
„Dann gib uns wenigstens Geld für die schönen Bilderrahmen“, forderte Pit.
„Was ihr habt die Bilder mit den Rahmen geklaut?“
„Natürlich! Ein Rahmen gehört doch zu jedem Bild. Oder hast du im Museum schon Bilder ohne Rahmen gesehen?“, erklärte Mufty überzeugt.
„Oh Mann, ihr seit vielleicht Amateure“, antwortete der Hehler kopfschüttelnd. Er blieb bei seiner Meinung. Die beiden Freunde zogen kleinlaut ab.

Mit einer Flasche Bier in der Hand saßen sie zuhause ratlos zwischen ihrer Beute. Der Traum von den Millionen war wie eine Seifenblase zerplatzt.
„Du kannst deinen Urlaub und das Cabrio wieder abbestellen“, sagte Mufty sarkastisch.
„Und du gehst nicht zur Schrotkur und bleibst dick“, konterte Pit.
Während sich Mufty die schönen Bilder ringsherum betrachtete, sagte er deprimiert: „Was machen wir nun mit dem ganzen Kram? Ich kann mich in meiner Bude wegen der Bilder gar nicht mehr bewegen. Die müssen hier raus.“
„Wirf sie in den Müll“, empfahl Pit, als er niedergeschlagen das Apartment seines Freundes verließ.
Muftys ausgeprägtes Besitzstreben ließ es nicht zu, sich sofort von den Kunstwerken zu trennen. Er saß noch lange auf seinem klapprigen Bett und betrachtete die wunderschönen Gemälde. Dabei träumte er von den vielen Millionen, die er leider nicht bekommen hatte. Kurz bevor die Müllabfuhr kam, schleppte er die Bilder dann schließlich doch zum Container.

Am nächsten Morgen trommelte es laut an Pits Zimmertüre, der fiel vor Schreck fast aus dem Bett. Schlaftrunken schlürfte er zur Tür: „ Ja, Ja! Ich komme schon!“
„Mach endlich auf!“ brüllte Mufty auf dem Flur herum. Kaum hatte Pit die Türe aufgeschlossen, da stürmte der Dicke auch schon wutentbrannt und schimpfend an ihm vorbei: „Diese Hurensöhne! Diese.. diese..!
„Was ist denn los, Mufty?“ unterbrach ihn Pit .
Müffling warf die neueste Tageszeitung auf den Tisch: „Da lies!“ Wie ein Tiger im Käfig stapfte er aufgebracht durch da winzige Zimmer.
Pit griff nach der Zeitung: „Gestohlene Gemälde wiedergefunden. Ein Angestellter der Müllabfuhr hatte gestern beim Leeren eines Müllcontainers die gestohlenen Bilder entdeckt. Museumsdirektor Eberling war erleichtert, als die wertvollen Bilder von Picasso, Dalí Cezanne und Miró wieder an ihrem Platz hingen. Es waren die Originale, erklärte Eberling. Er hatte sie als Fälschungen ausgegeben, um zu verhindern, daß sie von den Dieben weiterverkauft werden konnten. Der ehrliche Finder erhält von der Versicherung einen sechsstelligen Betrag als Finderlohn.“
„Die haben uns verarscht!“ schnaubte Mufty.
Pit ließ sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer fallen. Sprachlos hielt er die Zeitung in der Hand.
„Das ist wie ein Sechser im Lotto und den Zettel nicht abgegeben“, sagte er irgendwann.

Abends trafen sich die zwei Kunsträuber in ihrer Stammkneipe, um ihren Kummer hinunterzuspülen. Da gesellte sich ein Fremder zu ihnen an den Stammtisch.
Bevor er sich setzte, fragte er: „Herr Müffling, tragen sie Hosenträger?“
„Ne, so was altmodisches trag ich nicht. Stimmt’s Pit?“
„Dann ist das bestimmt ihr Gürtel?“ behauptete der Fremde und legte Muftys Gürtel zusammengerollt auf den Tisch.
Mufty wurde leichenblaß. Pit sprang auf, wollte aus dem Lokal stürmen.
„Keine Hektik, Pit. Draußen steht mein Kollege“, sagte der Kriminalbeamte und hielt Pit die Dienstmarke unter die Nase: „Helbig, vom Raubdezernat. Setzten sie sich wieder.“
Pit ließ sich eingeschüchtert nieder: „Wie konnten sie uns so schnell finden?“
Kommissar Helbig wandte sich an den Dicken: „Herr Müffling, Sie hätten besser das Strafmandat für Ihren Bruder bezahlt, anstatt es hinter dem Museum wegzuwerfen. Außerdem würde dieser Gürtel, den wir übrigens am Tatort gefunden haben, Ihrem Bruder für drei Hosen reichen.“

Wörter: 1.571
Zeichen: 8.553