Warum ist Meerwasser salzig?

Sind Märchen und Geschichten erfunden worden, weil man für manche Vorgänge keine Erklärung zur Hand hat? Oder sind die einfachsten Dinge oft doch zu kompliziert, um sie mit ein paar Worten zu erklären?

„Papaa!“ kam der Kleine von nebenan aufgeregt angerannt und platschte sich, nass wie er war, zwischen seine Eltern in den Strandkorb: „Papa, warum ist das Wasser im Meer salzig?“
Walter Köchler vernahm nur ein lautes Stöhnen des Vaters, dann setzte die Mutter des kleinen, strohblonden Timmy zu einer Erklärung an: „Also – ganz tief unten im Meer, da gibt es eine Mühle und die mahlt Tag und Nacht Salz. Deshalb ist das Meerwasser salzig.“
„Auwei!“ sprang der Junge auf, kramte aufgeregt in den herumliegenden Badetaschen: „Wo ist meine Taucherbrille? Die geh’ ich jetzt suchen!“
„Die ist weit, weit draußen im Meer. Die findest du hier nicht, Timmy“, schob sein Vater noch nach, um den davoneilenden, quirligen Kleinen von zu großem Tatendrang abzuhalten.

„Wie kann man seinen Kindern so einen Mist erzählen“, wandte Köchler sich flüsternd an seine Frau.
„Warum Mist? Kinder mögen Geschichten und Märchen“, tat sie lapidar ab, während sie sich weiter sonnte. Nach einigen Minuten nahm Roswitha Köchler die Sonnenbrille ab und wandte sich provokativ zu ihm: „Weißt du vielleicht, warum Meerwasser salzig ist?“
„Ich? Äh, – nein.“
„Also, dann ist diese Geschichte immer noch besser als gar keine. Nicht?“ Sprach’s und drehte sich wieder lässig der Sonne entgegen.
Mit derartig herausfordernden, aber logischen Schlussfolgerungen war Roswitha unschlagbar. Hin und wieder brachte sie ihren Walter damit dermaßen in Rage, daß er sie im Laufe ihres gemeinsamen Lebens im Geiste schon mehrfach gemeuchelt hatte.
„Verflixt, warum ist denn nun dieses Wasser salzig?“, ging es ihm ständig durch den Kopf. Die Frage ließ ihm keine Ruhe, deshalb suchte Köchler einen Vorwand, um vom Strand weg zu kommen. Vielleicht konnte ihm die Dame im Fremdenverkehrsbüro die Frage beantworten.
„Du Rosi, ich gehe Kaffee trinken. Kommst du mit?“ fragte Walter Köchler seine Gattin scheinheilig. Während er sein Portemonnaie einpackte und in die Schuhe schlüpfte, briet sie weiter regungslos in der Sonne. Zwischen ihren leicht geöffneten Lippen kam nur ein leises „Nein“ hervor.

Walter marschierte geradewegs zum Fremdenverkehrsbüro, stellte sich am Tresen geduldig hinter zwei bereits um Auskunft suchende Urlauber.
„Guten Tag, Sie wünschen bitte?“ sprach ihn die junge Frau freundlich an, als er an der Reihe war.
„Guten Tag. Sagen Sie, ich habe da eine ganz banale Frage: Warum ist das Meerwasser salzig?“
„Oh!“ lächelte sie verlegen. „Das weiß ich nicht. Aber, als ich ein kleines Kind war, hat mir meine Mutter immer etwas von einer Mühle im Meer erzählt.“
Köchlers enttäuschter oder vielleicht auch mitleidiger Gesichtsausdruck veranlasste sie wohl, noch hinzuzufügen: „Das ist jedoch nur ein Märchen.“
„Wer kann mir denn die Frage beantworten?“ insistierte er .
„Entweder jemand bei der Stadtverwaltung oder – noch besser, da gibt es verschiedene Institute in Hamburg, Bremen, überhaupt an der Küste. Die wissen das bestimmt“. Während sie das sagte, zog sie einige Telefonbücher hervor und sie suchten gemeinsam Institute heraus, in deren Firmierung das Wort Meer oder Meeresforschung vorkam.
Mit einem Zettel bewaffnet, darauf drei Anschriften mit Telefonnummern, zog Köchler sich in sein Ferienapartment zurück. Der erste Anruf galt der Deutschen Gesellschaft für Meeresforschung in Hamburg, denn Meeresforscher müssten doch wissen, warum Meerwasser salzig ist. Schließlich haben sie den ganzen Tag damit zu tun.
Eine freundliche Dame dieser Gesellschaft machte ihn darauf aufmerksam, dass es vor ungefähr zehn Jahren einen Roman mit dem Titel „Woher kommt das Salz im Meer“ gab. Aber ihres Wissens nach wurde das Salz im Meer durch einen globalen Wasserkreislauf im Laufe von Jahrmillionen durch Flüsse ins Meer gespült.
„ Aber das Flusswasser, das ins Meer läuft, ist doch nicht salzig?“ kam prompt Köchlers Einwand.
„Geringfügig salzig. Im Laufe von Millionen von Jahren akkumuliert sich das. Warten Sie, ich muss meinen Kollegen fragen“, hielt sie etwas verunsichert dagegen.
Im Hintergrund unterhielt sie sich. Plötzlich, wieder ins Telefon gerichtet: „ Aah! Jetzt, mein Kollege sagt nein. Das ist anders. Er sagt, das wird nicht salziger. Das soll entstanden sein bei der Urbildung der Ozeane und Kontinente.“
Nach einer kleinen Denkpause fuhr sie fort: „ Aber ich überlege, wen ich ihnen geben kann, der wirklich Bescheid weiß. Ein Meereschemiker vielleicht? Das wäre – sind sie noch da?
„Ja, ich bin noch da“, gab Walter ihr zur Antwort und griff nach dem Kugelschreiber.
„Der Doktor Müller vom Amt für Schifffahrt und Hydrographie, hier in Hamburg, der könnte Ihnen vielleicht weiterhelfen. Die Telefonnummer lautet…“.

„Wenn die in der Gesellschaft für Meeresforschung sich in dieser Frage nicht einig sind, dann ist es wohl ratsam, diesen Doktor Müller vom Amt anzurufen, denn in deutschen Amtsstuben geht es dienstsiegelhalterhaft amtlich zu. Schließlich beweisen deutsche Behörden täglich ihr korrektes Verhalten beim Umgang mit Steuergeldern und eine amtlich beglaubigte Auskunft gilt immer noch etwas in unserem Land“, dachte Walter Köchler, während er die erhaltene Nummer wählte.
„Bundesverkehrsbehörden“, meldete sich die Telefonistin.
„Ich hätte gern Herrn Doktor Müller.“
„Welchen? Ich habe hier nämlich mehrere“, hakte sie nach.
„Die Deutsche Gesellschaft für Meeresforschung hat mir die Telefonnummer gegeben.“
„Ahh, Meereskunde. Den versuch ich mal, ja?“
Bevor Köchler antworten konnte, schnarrte es bereits wieder im Hörer.
„Der von der Meereskunde meldet sich nicht. Ich versuche da mal jemanden in der Abteilung.“
„Hansen“, meldete sich der Angewählte.
„Guten Tag, Herr Hansen. Ich rufe auf Empfehlung der deutschen Gesellschaft für Meeresforschung an und hätte da eine grundsätzliche Frage: Warum ist das Meerwasser salzig? Leider konnten die von der Gesellschaft für Meeresforschung mir keine eindeutige Antwort darauf geben und empfahlen mir, mich an Sie zu wenden“, führte der Binnenländer Walter Köchler sein Begehren aus.
Durch den Hörer vernahm er verlegenes Räuspern, dann Lachen, gefolgt von der Antwort des Herrn Hansen: „Ich lache ein bisschen. Die Frage wird alle drei Tage gestellt – im Prinzip. Dazu habe ich auch schon einmal ein paar Zeilen aufgeschrieben.“
„Phantastisch. Wenn die Frage alle drei Tage gestellt wird, dann steht der Erklärung nichts mehr im Wege“, nahm Walter an. Doch nicht bei einem pflichtbewussten, deutschen Beamten. Sofort kam von Hansen energisch eine Gegenfrage, um sein geheimes Fachwissen nicht preisgeben zu müssen.
„Wofür wollen Sie es denn und wer sind Sie?“
Kleinlaut erklärte Köchler nochmals sein Anliegen und wer er sei, außerdem verband er es mit dem Hinweis, dass ihm bis jetzt leider niemand eindeutig erklären konnte, warum das Meerwasser salzig ist.
„Ja, ja. Die Frage ist berechtigt. So eindeutig lässt sie sich nicht beantworten. Da gibt es diverse Theorien“, führte der Beamte Hansen weiter aus und bat den neugierigen Anrufer, seine Frage doch per Fax einzureichen, damit er genau wüsste, mit wem er es zu tun habe.
„Dann versuchen wir, Ihnen die Antworten zu geben“, schob Hansen noch vor, während er Köchler seine Faxnummer gab.
Der Untertan Köchler wollte keinen größeren Verwaltungsakt mit seiner einfachen und bescheidenen Frage provozieren, deshalb hakte er lieber nochmals nach: „Also, Sie können mir das nicht so kurz – geschwind…?“
„Nee!“ unterbrach der Beamte ihn. „Da gibt es Theorien, die muss man diskutieren, da muss man auch die ganzen Elemente … – und da ich gerade Besuch habe, würde ich Ihnen das lieber per Fax schicken“, würgte Hansen den Anrufer kurzerhand ab und verabschiedete sich.
Vollkommen frustriert saß Walter Köchler neben dem Telefon. „Verdammt, der macht ein Staatsgeheimnis aus Meerwasser. Jetzt muss der auch noch Theorien diskutieren. Vielleicht ruft der eine große Regierungsbeamten-Konferenz ein und die beraten tagelang meine Fax-Anfrage, auf der schließlich nur steht: Warum ist Meerwasser salzig? Was das kostet, wo die Staatsverschuldung doch sowieso schon so immens ist“, ging es Köchler durch den Kopf und er nahm von einer Fax-Anfrage Abstand. Doch das Gefühl, dass der Beamte Hansen es wahrscheinlich auch nicht wusste, vielleicht sogar auch noch an die Mühle glaubt, wurde Köchler nicht los.

So leicht wollte Walter nicht aufgeben, deshalb griff er wieder zum Hörer und rief die Deutsche wissenschaftliche Kommission für Meeresforschung in Hamburg an, um die alte, neue Frage zu stellen: Warum ist das Meerwasser salzig? Der nette Herr verwies zuerst auf das Buch: „Meeresforschung“ von Tait, erschienen im Thieme Verlag. Doch in einer eher spärlich eingerichteten Ferienwohnung gehört dieses Werk wohl nicht gerade zur Standardausstattung, auch nicht an der Nordsee. Deshalb bedrängte Köchler ihn weiter um eine telefonische Auskunft. Schließlich erfuhr der neugierige Köchler, dass bei der Kommission für Meeresforschung das Meerwasser zu Ende der Eiszeit über Salzgestein geflossen und auf diese Art salzig geworden ist. Heute süßt es durch Zuflüsse bei der Kommission eher aus und wird durch Verdunstungseffekte wieder salziger – das Meerwasser, natürlich!

Diese Erklärung hätte Walter Köchler als Urlauber genügen können, doch schließlich stand auf seinem Zettel noch eine Telefonnummer. Um die letzten Zweifel zu zerstreuen griff er abermals zum Hörer. Sein nächster Ansprechpartner kam vom Institut für Meereskunde an der Universität Kiel. Auf Köchlers
Frage: „Warum ist das Meerwasser salzig“, vernahm er am anderen Ende der Leitung ein langgezogenes „Ouhh! Das ist eine schöne Frage.“
Und dann tauchten sie wieder ein, in die Urgeschichte der Erde und der Meere. Walter Köchlers Gegenüber stellte fest, dass es Wasser wahrscheinlich schon immer gegeben habe. Durch Einwaschungen der Niederschläge aus der Atmosphäre und vom festen Land sei der Salzgehalt entstanden, oder im Urmeer war vielleicht auch schon etwas drin. Das bezeichnete er jedoch als eine offene Frage. Der Salzgehalt habe sich seit Millionen von Jahren nicht verändert, denn es gibt Arten, die leben heute noch und deshalb kann sich der Salzgehalt nicht verändert haben.
Köchler als bayrische Landratte drängte sich hier sofort die Assoziation „Salzhering“ auf, doch solche hatte er bis heute in süddeutschen Breitengraden leider nur in totem Zustand zu Gesicht bekommen. Abschließend verwies sein Gesprächspartner noch auf einschlägige Fachliteratur mit dem Satz: „Näheres steht dann in den Büchern drin“.

Nach der Konsultation so vieler Experten war Walter Köchler ziemlich überrascht, dass Fachleute, die täglich mit Meer und Meerwasser zu tun haben, noch nicht einmal genau wussten, warum das Meerwasser salzig ist. Teilweise freute es ihn, dass deutsche Fachleute, die doch zur Norm- und Nivellierungssucht neigen, für diese grundsätzliche Frage noch keine einheitliche, bundesweite Meerwasser-Entstehungsverordnung hatten. Aber was nicht ist, das schafft Brüssel in den nächsten Jahren bestimmt, ging es Köchler durch den Kopf.
„Oder vielleicht sollte ich dem Beamten Hansen vom Amt für Schifffahrt und Hydrographie doch eine Faxanfrage stellen? Natürlich nur, um diese behördliche Rechtsunsicherheit ein für alle mal durch die angedrohte Grundsatzdiskussion der verschiedenen Theorien auszuräumen.“ fragte sich Walter Köchler und schloss die Appartementtür ab, um wieder an den Strand zu gehen.
Als er nachdenklich zum gemieteten Strandkorb kam, war es später Nachmittag geworden und seine Frau am Zusammenpacken. Sie kannte ihn und seine Gewohnheiten nur zu gut, deshalb kam es wie aus der Pistole geschossen: „Na, weißt du jetzt, warum das Meerwasser salzig ist?“
„Ja, natürlich.“
„Und? Darf ich erfahren, warum?“
„Selbstverständlich,“ sagte Walter Köchler überzeugt und fuhr fort, „Schau, da gibt es eine Mühle ganz tief unten im Meer und die mahlt Tag und Nacht Salz. Deshalb ist das Meerwasser salzig.“


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